Home   Jugendportal   Presse   Kontakt   Intern 
EURES BeraterInnenPublikationenEURES BodenseeVeranstaltungenLinksNewsArbeitgeberInnenArbeitnehmerInnen

St. Galler Tagblatt

Ostschweizer sind keine Grenzgänger

Vor dem Zweiten Weltkrieg pflegte die Bevölkerung im Bodenseeraum Kontakte über die Grenzen hinweg. Man heiratete untereinander, man handelte miteinander, man kannte sich. Zwar war da eine Landesgrenze, aber Schlagbäume in den Köpfen gab es kaum. Man war sich mentalitätsmässig näher als den Zürchern, Wienern oder Berlinern. Doch nach dem Ausbruch des Krieges wandten die Ostschweizer ihren Nachbarn den Rücken zu. Sie waren schliesslich Bewohner einer vom Krieg verschonten Wohlstandsinsel, während die verarmten Nachbarn aus einer Trümmerlandschaft erst noch blühende Landschaften erschaffen mussten und das Dritte Reich vergessen wollten. Manche fanden als Grenzgänger ein Auskommen in der Schweiz.

Wohlstandsgefälle ausgeglichen

Ein Wohlstandsgefälle gibt es längst nicht mehr. Mancherorts übersteigt die Kaufkraft Süddeutscher oder Vorarlberger Fachkräfte die der Schweizer Kollegen. Und die europäische Integration hat die Grenzen wieder durchlässiger werden lassen. Mit der Personenfreizügigkeit könnten auch Schweizer im Süddeutschen oder in Vorarlberg arbeiten. Doch sie gehen dorthin erst billig einkaufen. Der Strom der Grenzgänger fliesst wie eh und je in die gleiche Richtung: von Österreich und Deutschland in die Schweiz.

Schranken abbauen

"Dabei", sagt Kurt Müller, "gibt es durchaus auch Chancen für Schweizer im Arbeitsmarkt Bodensee." Müller ist einer von acht Beratern, welche im Auftrag der vor drei Jahren gegründeten Grenzgemeinschaft Eures Bodensee am gemeinsamen Arbeitsmarkt mitbauen. Sie sollen bürokratische Schranken überwinden helfen - und die in den Köpfen der Leute.

Ein offener Arbeitsmarkt rund um den Bodensee, das klingt gut. Doch Schweizer finden kaum an die Teufener Strasse 25 in St. Gallen, 3. Stock, Büro 308, sie wählen auch kaum die Nummer 071 229 25 64 oder schreiben an kurt.mueller@sg.ch. Und wenn, dann suchen vor allem Arbeitslose Müllers Rat. Ihnen ist allerdings nicht nach Ravensburg, Friedrichshafen oder Bludenz zumute. Ihnen steht der Sinn mehr nach Spanien oder England.

Wer im Ausland eine Existenz aufbauen möchte, erhält nämlich noch während dreier Monate Arbeitslosengeld ausbezahlt. Allerdings muss man sich bei den Arbeitsämtern im Ausland melden. "Leistungsexport" heisst das in der Bürokratensprache. Müller erinnert sich an einen Mann, der in Spanien eine Existenz als Barbetreiber aufzubauen gedachte. Was aus ihm wurde? "Ich weiss es nicht." Müller erinnert sich auch an eine kaufmännische Angestellte, die in England eine Stelle suchte. Erwartungsgemäss ohne Erfolg. Aber der Ausflug ins Ungewisse hat doch etwas bewegt, wie Müller weiss: Als sie in die Schweiz zurückkehrte, machte sie sich selbständig. Und ist es immer noch.

Nur Chance für Qualifizierte

Vor allem Deutsche suchen Kurt Müllers Rat, seit er vor drei Jahren seine Beratertätigkeit aufgenommen hat. Zunächst kamen Ostdeutsche. Statt in blühenden Landschaften, wie sie ihnen Kanzler Kohl versprochen hatte, fanden sie sich auch noch Jahre nach der Vereinigung in maroden Landschaften, die der reale Sozialismus hinterlassen hatte. "Sie reisten als Touristen ein und putzten auf der Suche nach Arbeit Klinken", sagt Müller. Ein aussichtsloses Unterfangen. "Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben wie überall in Europa nur Qualifizierte." Mittlerweile suchen zwar immer noch vorwiegend Deutsche seinen Rat, aber es sind mittlerweile Leute aus dem süddeutschen Raum. "In der Regel haben sie einen Job. Sie sind gut informiert, suchen gezielt und können auf den richtigen Moment warten." Ihre Chancen, Arbeit zu finden, sind intakt: Temporärbüros suchen gut qualifizierte Handwerker. Auch in sozialen Berufen oder im Pflegebereich gibt es Arbeit. "Einen Job auf dem Silbertablett kann ich ohnehin niemandem präsentieren. Ich berate bloss."

Kurt Müller führt Statistik über seine Beraterkontakte. Allerdings nur quantitativ. Im vergangenen Jahr hatte er rund 60 Kontakte pro Monat - in der Regel per Mail oder telefonisch. Zum Gespräch nach St. Gallen lädt Kurt Müller die Leute nur dann, wenn es anders nicht geht. Zu mühselig wären die Anreisen für Auskünfte, die man auch einfacher haben kann. "Die Deutschen", sagt er, "haben ein positives Bild von der Schweiz. Oft spürt man ihren Unmut über ihr Land, über das, was sie Reformstau nennen."

Noch suchen die Ostschweizer die Risiken und Chancen im grenzüberschreitenden Arbeitsmarkt nicht. Noch sind sie keine Grenzgänger. "Aber das", sagt Müller, "wird sich langfristig ändern." Dann loten vielleicht Ostschweizer ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt bei einem baltischen oder polnischen Berater aus. Wie neuerdings Polen, Letten oder Esten bei Kurt Müller.

Vier Staaten, ein Arbeitsmarkt ?

Eures-Grenzpartnerschaft stellt wachsendes Interesse an einem gemeinsamen Arbeitsmarkt Bodensee fest

st. gallen. Zwar wächst das Interesse an einem Arbeitsmarkt in der Euregio Bodensee. Aber von einem gemeinsamen Arbeitsmarkt ist man noch weit entfernt. So lautet nach drei Jahren Anstrengung eine erste Bilanz der Eures-Grenzpartnerschaft Bodensee.

ANDREAS FAGETTI

Die Bodenseeregion zählt zu den dynamischsten Wirtschaftsräumen Europas mit der niedrigsten Arbeitslosenquote. Vier Millionen Menschen leben hier, davon sind 1,8 Millionen erwerbstätig. Die grenzüberschreitende Pendlerquote von 1,7 Prozent - das sind rund 35 000 Menschen - liegt zwar deutlich über dem EU-Durchschnitt (1,4 Prozent). Aber Vergleichendes bzw. aussagekräftiges statistisches Material über die Auswirkungen der Personenfreizügigkeit kann die Eures-Grenzgemeinschaft noch nicht präsentieren. Die Grenzgängerzahlen jedenfalls geben wenig her: sie haben sich seit 2001 kaum verändert. Die grenzüberschreitenden Zupendlerströme gehen ohnehin immer noch in eine Richtung: von Deutschland und Österreich in die Schweiz und nach Liechtenstein - wegen der deutlich höheren Löhne und der höheren Beschäftigungsdichte. Aber von einem gemeinsamen Arbeitsmarkt oder einem Wirtschaftsraum mit einem starken Zentrum kann trotz allem keine Rede sein.

Viele regionale Zentren

Die Bodenseeregion funktioniert eben nicht wie die Grossregionen um München, Stuttgart oder Zürich, und das nicht nur wegen der Landesgrenzen - kleinere regionale Zentren wie Konstanz, St. Gallen, Friedrichshafen oder Bregenz fristen ein Eigenleben. Dass sich die Menschen nicht an einem Kunstgebilde namens Euregio Bodensee orientieren, verdeutlicht eine Zahl: Von den 10 000 Studierenden der Uni Konstanz kommen bloss 115 aus der Schweiz - gleich viele wie aus der Volksrepublik China.

Gerade weil die Bürger der vier Staaten mehrheitlich immer noch mit dem Rücken zu ihren Nachbarn leben, haben sich vor drei Jahren 21 Organisationen der Arbeitsverwaltungen und der Arbeitnehmer- und Arbeitgeberorganisationen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zur Eures-Grenzgemeinschaft Bodensee zusammengeschlossen. Liechtenstein hat einen Beobachterstatus. Das Ziel ist die Förderung eines gemeinsamen Arbeitsmarktes; Landesgrenzen sollen keine Arbeitsmarktgrenzen mehr sein. Um diesem Ziel etwas näher zu rücken, wurde mittlerweile ein Eures-Beraternetz aufgebaut, es wurden Informationsbroschüren herausgegeben.

Viel beschäftigte Berater

Gestern zog die Grenzpartnerschaft Bodensee drei Jahre nach ihrer Gründung Zwischenbilanz. Eures-Präsident Johannes Rutz merkte selbstkritisch an: "Eine gesamtpolitische Kooperation, die sich umfassend auf die Region auswirken könnte, ist noch nicht zustande gekommen." Aber es gibt durchaus Positives zu berichten: Die acht Eures-Berater, an die sich Arbeitssuchende und Arbeitgeber wenden können, hatten in den drei Jahren 20 000 Kontakte, das Eures-Portal der EU wird monatlich von über einer halben Million Menschen angewählt. Und auch das Portal der Eures-Grenzpartnerschaft Bodensee www. jobs-ohne-grenzen.org wird monatlich von 15 000 Leuten besucht. Auch eine andere Zahl gibt zu Hoffnung Anlass: Nutzten vor eineinhalb Jahren erst 0,5 Prozent der Arbeitgeber aus der Euregio das EU-Arbeitsvermittlungssystem, sind es heute bereits fünf Prozent.

Statistikplattform

Zwar erleichtert die gemeinsame Sprache eine Zusammenarbeit, aber die Unterschiede in der Euregio Bodensee sind noch beträchtlich. Davon kann man sich auf der neu geschaffenen Statistikplattform ein (vergleichendes) Bild machen (www.statistik. euregiobodensee.org). So haben die Schweizer Regionen um den Bodensee seit 1991 Arbeitsplätze verloren - allerdings auf höherem Ausgangsniveau als ihre Nachbarn -, während Liechtenstein oder Vorarlberg kräftig zulegten. Deutlich wird aber auch, dass man sich dennoch näher ist als dem Rest von Europa.

<< zurück